Wer hat euch bezaubert?

Martin Luther kommentierte in seiner Vorlesung über den Galaterbrief Galater 3,1, „Wer hat euch bezaubert, denen doch Jesus Christus vor die Augen gemalt war als der Gekreuzigte?“, mit folgenden Worten: 

Schließlich hat der Teufel eine solche Leidenschaft zu bezaubern und zu schaden, daß er nicht nur den sicheren und hochmütigen Geistern seine Blendwerke eingibt, nein, er versucht auch diejenigen, die fromm und richtig mit dem Worte Gottes und der christlichen Religion umgehen, mit seinem Teufelsspiel zu täuschen. Mich selbst hat er oft so stark angegriffen und mit so traurigen Gedanken überschüttet, daß er mir Christus fast völlig verdunkelt, ja beinahe weggenommen hätte. In Summa, da ist keiner unter uns, der nicht immer wieder durch falsche Meinungen bezaubert würde, d.h. daß wir uns fürchten, vertrauen, Freude haben, wo nichts zu fürchten, zu vertrauen und zu freuen ist; wir alle denken manchesmal von Gott, von Christus, von dem Glauben, von unserer Berufung, von dem Christenstand anders als wir denken sollten. – Wenn uns der Teufel nicht nüchtern und mit geistlichen Waffen, d.h. mit dem Worte Gottes und im Glauben gerüstet findet, verschlingt er uns.

Möglichkeiten und Grenzen religiöser Projektion

Ludwig Feuerbachs große Projektionsthese lautet: Gott ist keine von Menschen unabhängige Wirklichkeit, sondern die Projektion des idealisierten menschlichen Wesens. Alles, was Menschen Gott zuschreiben – wie etwa Liebe, Vernunft, Allmacht, Vollkommenheit oder Unsterblichkeit –, sind laut Feuerbach menschliche Wünsche, Fähigkeiten und Gattungsideale, die nach außen verlegt und als eigenständiges göttliches Wesen verehrt werden. Daher (Vorlesungen über das Wesen der Religion, Leipzig, 1851, Zwanzigste Vorlesung, S. 241):

Denn nicht Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde, wie es in der Bibel heißt, sondern der Mensch schuf, wie ich im Wesen des Christentums zeigte, Gott nach seinem Bilde.

Der niederländische Philosoph Jacob Klapwijk liegt meines Erachtens richtig, wenn er zeigt, dass Feuerbach nicht völlig falsch liegt. Menschliche Religion neigt in der Tat dazu, sich einen Gott nach eigenem Bilde zu schaffen, weshalb ja auch Johannes Calvin davon sprach, dass der menschliche Geist einer „Götzenfabrik“ gleicht (Institutio I,11,8).

Aber hören wir auf Jacob Klapwijk (Philosophische Kritik und göttliche Offenbarung, 1990, S.26–29):

Wie ist Feuerbachs einflußreiche Religionskritik zu bewerten? Wo stehen wir selbst? Aus dem Blickwinkel der Heiligen Schrift und der christlichen Überlieferung kann und muß Feuerbachs Lehre aus systematisch-theologischen Gründen zurückgewiesen werden. Doch eine theologische Kritik allein reicht nicht aus. Eine wissenschaftliche Beurteilung muß auch die Argumente würdigen und daher Feuerbachs religionsphilosophische Thesen einer philosophischen Kritik unterziehen.

Kritik an Feuerbach bedeutet zugleich auch Selbstkritik. Ein schuldbekennendes Wort ist hier am Platze, denn Kirche und Religion präsentieren sich in der Tat weitgehend als Bedürfnisreligion. Der damalige Pietismus und eine damit konform gehende Erlebnistheologie in der Nachfolge Hegels und Schleiermachers deuteten Religion als subjektives Bedürfnis, als subjektiven Gefühlsdrang zum Unendlichen. Wird der Kern der Religion als frommes, schlechthinniges Abhängigkeitsgefühl bestimmt (Schleiermacher), ist der Weg frei für die Schlußfolgerung: Gott ist Veräußerlichung, Projektion dieses frommen, subjektiven Gefühls.


Die Frage an uns lautet: Unterscheidet sich unser Christsein wesentlich von dem des 19. Jahrhunderts? Ist unser Glaube mehr als ein Bündel rationalisierter, subjektiver Gefühle? Verstehen wir unter Beten etwas anderes als das Auflisten privater Wünsche? Haben wir möglicherweise selbst der verbreiteten Meinung Vorschub geleistet, hinter dem frommen Getue gehe es letztlich nur um Eigennutz und Wohlergehen des christlichen Menschen. Oder anders: Wer ist Gott für uns? Erfüllungsgehilfe und Garantieschein – oder wesentlich mehr und wesentlich anders als das?
Feuerbach hatte nicht ganz unrecht, das damalige europäische Christentum als Bedürfnisreligion zu brandmarken: In Bedürfnisreligion steckte und steckt tatsächlich ein Stück Projektion. Und noch in einem zweiten Punkt ist Feuerbach stattzugeben, nämlich in seiner Verwerfung einer Verdopplung der Welt in eine natürliche und eine übernatürliche. Diese Doppelwelt-Lehre (Supranaturalismus) war eine Konstruktion der mittelalterlichen Scholastik, im Grunde mehr platonisch-neuplatonisch als christlich. Prägt die Vorstellung einer Weltverdoppelung das allgemeine Bewußtsein, dann eignet sich die obere Welt zweifellos als Projektionsraum für alle unerfüllten Sehnsüchte hier unten. In dieser Hinsicht ist Feuerbachs Kritik nicht abwegig.

An dieser Stelle ist wiederum eine theologische Selbstprüfung angebracht. In welchem Maß ist auch unser Denken von diesem scholastischen Dualismus gefärbt? Vermögen wir noch die Einheit des göttlichen Schöpfungshandelns wahrzunehmen? Erkennen wir noch, daß die ganze Welt auf Gott bezogen ist? Verstehen wir, daß Himmel und Erde gemeinsam der Vollmacht Jesu unterstehen? Ist die Welt als Schöpfung, als Kreatur nicht natürlich und übernatürlich in einem? Bereits die Rede von der Schöpfung als “Natur“ löst jene aus ihrem Gottesbezug. Die nachträgliche Addition eines sogenannten “übernatürlichen Seins“ ist im Grunde nur Flickwerk. Eines steht fest: Das Reich Gottes schwebt nicht über dieser Welt, sondern bricht sich in dieser Welt Bahn. In diesem Reich wird die Schöpfung nicht vernichtet, sondern vollendet.

Feuerbach fordert uns nicht nur zur Selbstprüfung auf, er konfrontiert uns auch mit einem prinzipiellen Problem, und dies zwingt zu einer christlich-philosophischen Kritik. Wenn wir mit Feuerbach davon ausgehen, daß Religion zu einem großen Teil in einer Projektion besteht, dann lautet die Frage: Welches sind die Bedingungen der Möglichkeit religiöser Projektion?
Ich sehe es folgendermaßen: Wenn nach Gen 1 der Mensch im Bilde Gottes geschaffen wurde, dann besagt dies: Der Mensch ist auf dieser Welt, um Gottes Liebe und Herrlichkeit in seinem eigenen Leben widerzuspiegeln. Dies ist sein Wesen und seine Bestimmung, seine Begrenztheit und seine Größe: Ein Bild, ein Abbild Gottes zu sein und sein zu müssen. Dies ist sein anthropologischer Status, zu dem der Mensch berufen ist und dazu bestimmt, anderen vorzuleben, wer Gott ist. Als Bildträger ist der Mensch in einem sehr besonderen Sinn Gott-bezogen.

Als Folge des Sündenfalls ist dieses Bild aber verzerrt, als habe sich gleichsam ein Vorhang zwischen das göttliche Urbild und das menschliche Abbild geschoben. Dennoch bleibt der Mensch Geschöpf Gottes und als solches unausweichlich auf seinen Schöpfer gerichtet, also abhängig. Die Sünde jedoch pervertiert das Gottesverhältnis in eine andere, selbstproduzierte Abhängigkeit – dies lesen wir im 1. Kapitel des Römerbriefes. Der Gott-lose Mensch setzt in seiner Torheit das Bild eines vergänglichen Menschen oder anderen Geschöpfes an die Stelle Gottes. Was soll das besagen?

Der unabstreifbaren Ausrichtung auf Gott bei gleichzeitiger Verdunkelung des Bildes Gottes im Menschen ist nur so zu begegnen, daß sich der Mensch selbst, bewußt oder unbewußt, ein Ideal-Bild schafft, auf welches hin er sich orientiert. Die Gott-Beziehung wird zur Abgott-Beziehung. Ist dem Geschöpf die Abbildung seines Schöpfers versagt, übernimmt die Einbildung diese Funktion, denn unentrinnbar bleibt der Mensch gottbezogenes, bildtragendes Geschöpf. In dieser Situation kommt es zur Veräußerlichung und Projektion – nicht nur in der Form des Götzenkultes, sondern in allen Formen selbstgemachten Gottesdienstes, auch innerhalb des Christentums. Feuerbach hat dies gesehen. Leider sah er im Christentum nichts anderes als Projektion. Was Feuerbach allerdings nicht recht erklären konnte, nämlich warum solch eine Veräußerlichung sich im Menschen ereignet, wird verständlich, sobald die biblische Botschaft ernstgenommen und der anthropologische Status des Menschen entdeckt wird. 

Die Frage ist nicht nur, wie Projektion beginnt, sondern auch: Wie hört Projektion auf? Die Bibel sagt verschiedentlich, das wahre Bild Gottes habe sich in Jesus Christus manifestiert. Er ist nach Hebr 1 der Abglanz des Wesens Gottes. Daher liegt in der Begegnung mit ihm der kritische Maßstab. Erst in der konkreten, persönlichen Übereignung des Lebens an Christus hört die Motorik der Projektion auf. Dann wird der verdekkende Schleier der Sünde entfernt und werden wir selbst wieder zu Bildträgern Gottes. Die Bildmacher werden zu Bildträgern! Dann erfüllt sich 2. Kor 3, 18: „Wir alle aber spiegeln mit unverhülltem Angesicht die Herrlichkeit des Herrn wider und werden umgewandelt in dasselbe Bild von Herrlichkeit zu Herrlichkeit, nämlich von des Herrn Geistes.“ Weil Feuerbach die Ursache der Projektion philosophisch verkannt hat, verfehlte er auch die Möglichkeit ihrer Beendigung. Nicht der Geist der Aufklärung, sondern der Geist des Herrn macht allen religiösen Projektionen ein Ende.
 

Evangelium mitten im Alltag

 

E21 Regio Südost 2026 Website 01.59a9e555.

Das Evangelium ist mehr als eine Botschaft für den Gottesdienst am Sonntag oder für das tägliche Bibellesen und Beten. Es durchdringt unser ganzes Leben – unseren gesamten Alltag.

Auf der E21-Regionalkonferenz Südost zum Thema „Evangelium mitten im Alltag: Die Gute Nachricht leben und weitergeben“ zeigen uns Alexander Reindl und Sebastian Götz, worin der Kern der rettenden Botschaft besteht und wie das Evangelium unsere Beziehungen, unsere Gastfreundschaft und unser Berufsleben prägt.

Die Konferenz findet am 24. Oktober in der CV Schwabach statt.

Ein Ablaufplan und die Möglichkeit zur Anmeldung finden sich hier: www.evangelium21.net.

Tatiana Llaguno: Feminismus ist Projekt der Linken

Die Philosophin und Politikwissenschaftlerin Tatiana Llaguno steht in der Tradition von Hegel, Marx und der Kritischen Theorie. Sie gehört zu den prominenten Familienabolitionistinnen, die Ehe, Mutterschaft und Hausarbeit als Formen der Unterdrückung von Frauen bekämpfen. Wegbereiterin des heutigen Familienabolitionismus ist für sie Simone de Beauvoir.

In einem Interview, das sie kürzlich dem PHILOSOPHIE MAGAZIN gegeben hat (Sonderausgabe Nr. 38, Herbst 2026, S. 108–110, hier S. 110), sieht sie Simone de Beauvoir, den Feminismus, und sich selbst in der Tradition des Sozialismus stehend. Zitat: 

Heute enden viele Ehen in Deutschland mit einer Scheidung, immer mehr Menschen bleiben kinderlos und unverheiratet, es entstehen alternative Formen des Zusammenlebens. Stehen diese Entwicklungen im Einklang mit der Abschaffung der Familie?

Es stimmt – und das ist eine gute Nachricht –, dass wir heute mehr Freiheit bei der Wahl unserer Beziehungen haben. Aber die Abolitionistinnen erinnern uns daran, dass es beim feministischen Kampf nicht nur um mehr Wahlmöglichkeiten in unserem Privatleben geht: Solange die Sorgearbeit unberührt bleibt, haben wir noch einen langen Weg vor uns. Die Familie wird nicht abgeschafft werden, solange Sorgearbeit privatisiert bleibt. Simone de Beauvoir hat sich in diesem Punkt unmissverständlich geäußert: „Frauen, die für die Emanzipation der Frauen kämpfen, können nicht wirklich Feministinnen sein, ohne der Linken anzugehören, denn obwohl der Sozialismus nicht ausreicht, um die Gleichstellung der Geschlechter zu gewährleisten, ist er doch notwendig.“

Philosophischen Notizbücher Kurt Gödels voller theologischer Überlegungen

In den letzten Jahren wurden die Notizbücher des großen Mathematikers erschlossen. Dass er einen mathematischen Gottesbeweis verfasst hatte, war bekannt. Überrascht waren die Herausgeber allerings, dass seine Notizen so viele theologische Gedanken enthalten. Ulf von Rauchhaupt schreibt (FAZ vom 30.09.2026, Nr. 277, S. 12):

Im Sommer 1961 schrieb Kurt Gödel einen Brief an seine Mutter. Die damals 82 Jahre alte Frau lebte in Wien, er in Princeton, New Jersey, wo er dem Institute for Advanced Study angehörte. 1940 war er in die Vereinigten Staaten emigriert. „Du stellst in deinem letzten Brief die schwerwiegende Frage, ob ich an ein Wiedersehen glaube“, schrieb Gödel – die Rede war von einem Wiedersehen nach dem Tod. „Darüber kann ich nun folgendes sagen: Wenn die Welt vernünftig eingerichtet ist und einen Sinn hat, dann muss es das geben.“

Nun ist Kurt Gödel nicht irgendein Gelehrter. Seine sogenannten Unvollständigkeitssätze hatten Anfang der Dreißigerjahre die Grundlagen der Mathematik nachhaltig erschüttert, und von Albert Einstein wird überliefert, er habe Gödel einmal den größten Logiker seit Aristoteles genannt. Der Mathematiker John von Neumann, der Gödels wissenschaftliche Leistungen sicher noch besser einschätzen konnte, erklärte 1951, diese seien „mehr als monumental“ und etwas, das „weit in Raum und Zeit sichtbar bleiben wird“.

Und so jemand glaubte an ein Leben nach dem Tod? Tatsächlich nicht nur das. Spätestens seit 1940 beschäftigte sich Gödel mit einem Argument für die Existenz Gottes, das Anselm von Canterbury im elften Jahrhundert formuliert hatte und das als „ontologischer Gottesbeweis“ bekannt wurde. Insbesondere Immanuel Kant, dessen kritische Philosophie darauf gerichtet war, die Grenzen der theoretischen Vernunft auszuloten, hatte das ontologische Argument Anselms als ein Beispiel für die unzulässige Überschreitung dieser Grenzen vorgeführt. Nun aber ging Gödel her und formulierte es neu in der Sprache der modernen Logik, veröffentlichte die Arbeit aber nie. Kollegen, die von Gödels theologischen Interessen wussten, waren diese mitunter peinlich. So notierte der Ökonom Oskar Morgenstern 1970 in sein Tagebuch, Gödel habe seinen Gottesbeweis nur als logisches Experiment gedacht und werde ihn nicht veröffentlichen, damit niemand denke, er glaube an Gott.

Was ist klassische Theologie?

Kevin DeYoung und Carl Trueman unterhalten sich in diesem Video sehr informativ über die klassische Theologie, unter anderem über die Sprache, die wir in der Gotteslehre oder Christologie gebrauchen. Und natürlich ist auch Thomas von Aquin ein Thema.

Die Kirche im Zeitalter der Therapie

Matthew Loftus schreibt in „Die Kirche im Zeitalter der Therapie“: 

Im Jahr 1966 schrieb Philip Rieff in The Triumph of the Therapeutic : „Der religiöse Mensch wurde geboren, um gerettet zu werden; der psychologische Mensch wurde geboren, um zufrieden zu sein.“ Irgendwann haben wir eine Schwelle überschritten, und die allgemeinen Werte der westlichen Kultur richteten sich mehr auf Selbstverwirklichung und Freiheit von Zwängen aus als auf die Erlösung von unseren Sünden und die Gemeinschaft mit Gott. Wir befinden uns nun an einem Punkt, an dem die Sprache der Therapie jede Ebene des Diskurses durchdringt.
Wie sind wir hierhergekommen? Manche geben Sigmund Freud und anderen frühen Psychologen die Schuld dafür, dass sie ein überzeugendes intellektuelles Argument dafür geliefert haben, alles zu tun, was wir wollen – mit der Begründung, dass die Verdrängung unserer Wünsche schädlich sei und wir uns selbst treu bleiben müssten. Dieser Darstellung zufolge sind Christen (vor allem liberale) auf diesen Köder hereingefallen und haben christliche Lehren gegen psychologische Modeerscheinungen eingetauscht, sodass nur noch ein Rest gläubiger Menschen übrig geblieben ist, die ihr Bestes getan haben, um sich gegen eine steigende Flut von Psychogeschwätz zu behaupten.

Das ist sicherlich ein Teil der Geschichte, und es gibt kein Happy End für eine Kirche, die die Wahrheiten aufgibt, die wir seit zwei Jahrtausenden schätzen, in der Hoffnung, tiefere Wahrheiten zu entdecken, die sich bequem mit dem modernen Zeitgeist decken. Doch diese Darstellung vernachlässigt die Tatsache, dass wir in der Welt leben, die Freud mitgeschaffen hat, und es ist unmöglich, sinnvoll über die menschliche Psychologie zu sprechen, ohne auf seine Erkenntnisse zurückzugreifen. Wir halten viele Ideen, die uns durch moderne psychologische Theorie und Forschung vermittelt wurden, für selbstverständlich; jede Kritik an der Therapiekultur muss diese Realität ernst nehmen.

Darüber hinaus lässt sich die Verflechtung des Christentums mit der Therapiekultur nicht von der christlichen Begeisterung für Heilung und dem Beharren der Kirche auf ganzheitlicher Fürsorge für leidende Menschen trennen. Jesus selbst fordert seine Jünger auf, die Kranken zu heilen (therapeuete), und frühchristliche Schriftsteller (darunter Augustinus) nutzten weltliche Heilmethoden als Analogien für das kraftvolle Wirken Gottes in der Seele eines Gläubigen. Vorwissenschaftliche Christen scheinen größtenteils die Theorien akzeptiert zu haben, die damals die psychische Gesundheit bestimmten, darunter auch Dinge wie die vier Körpersäfte. Christen haben sich schon immer dafür interessiert, was es für uns bedeutet, in Herz, Seele, Verstand und Kraft zu gedeihen – man frage nur Thomas von Aquin.

Die moderne Psychologie hat dieses Streben nach Entfaltung einfach aufgegriffen und eingegrenzt, in der Annahme, dass unsere Gedanken, Emotionen und Wünsche uns alles sagen könnten, was wir über ein gutes Leben wissen müssten. Die Erkenntnisse Freuds (und vieler anderer) enthüllten Wahrheiten über unser Innenleben, die zwar nicht so unumstößlich wie die Thermodynamik oder so praktisch nützlich wie die Keimtheorie waren, aber mit ausreichender Stringenz gewonnen wurden, sodass sich die Psychologie als eine Wissenschaft neben anderen betrachten konnte. Die Psychologie erzählte fesselnde Geschichten, wie zum Beispiel die Vorstellung, dass moralische Verpflichtungen im besten Fall nützliche soziale Werkzeuge und im schlimmsten Fall Hindernisse dafür sind, der Mensch zu werden, der wir sein sollen. Wir erzählten diese Geschichten immer wieder, bis sie zu den zentralen Mythen unserer Kultur wurden.

Carl Trueman beschreibt die Folgen dieser kulturellen Mythen in seinem Buch Der Siegeszug des modernen Selbst (#ad):„Zufriedenheit und Sinn – Authentizität – werden heute durch eine Hinwendung nach innen gefunden, und die Kultur wird zu diesem Zweck neu gestaltet. Tatsächlich muss sie nun dem Zweck dienen, meine psychologischen Bedürfnisse zu befriedigen; ich darf meine psychologischen Bedürfnisse nicht an die Natur der Gesellschaft anpassen, denn das würde Angst auslösen und mich unecht machen.“

Reinhard May: Du liegst in Gottes Hand

Auf seiner neuen LP „Schatzhauser“ singt Reinhard May: „Ach, wider bessres Zweifeln würd ich doch so gerne glauben, wenn sie mir tröstend sagen, keiner fällt aus Gottes Hand“ (im Lied „Zwei Köfferchen“). Sein Kommentar dazu:

Ich bin bekennender Agnostiker, weil ich nicht weiß, wie es weitergeht. Aber auch für einen finsteren Heiden ist das eine schöne Vorstellung: Es kann dir gar nichts passieren, du liegst in Gottes Hand. Ich bin evangelisch getauft und konfirmiert, meine Eltern waren keine frommen Leute, aber sie waren sehr gute Bibelkenner. Christliche Ideale, Nächstenliebe, Verzeihen, Barmherzigkeit, das sind für mich hohe Lebensideale. Der 23. Psalm, da kann man sich dran festhalten. Selbst als Agnostiker.

Das ist natürlich Romantik. Wenn Gott nicht da ist, dann ist der Psalm 23 nicht mehr als ein autosuggestives Lied. Aber vielleicht erkennt der so hochbegabte Liedermacher ja noch, dass es gute Gründe dafür gibt, den Agnostizismus anzuzweifeln, und dass der Gott, der seine Hände offenhält, wirklich da ist.

Heidegger über Christentum und Christlichkeit

Hier klingt Martin Heidegger ganz ähnlich wie Kierkegaard (Anmerkungen I-V, Gesamtausgabe, Bd. 97, Frankfurt am Main: Vittorio Klostermann, 2015, S. 205–206): 

 

Christentum ist Metaphysik, die den christlichen Glauben als Wissen ausgibt. Christlichkeit ist der Glaube an Christus in Christus.

Wer gegen das Christentum denkt, denkt nicht gegen die Christlichkeit; denn gegen sie kann das Denken aus zwei Gründen nicht denken: einmal, weil das Denken, wenn es „gegen“ denkt, nur gegen sich selbst zu denken hat; und zum anderen und in der Folge, weil das Denken als Denken die Kluft zum Glauben ist und es nicht nötig hat, erst noch gegen den Glauben zu denken. Aber es liegt im Wesen der Kluft, daß sie, was auf der einen und der anderen Seite liegt, in seiner eigenen Ruhe läßt. Nur die Theologen, die Christentum für Christlichkeit halten, verwirren alles. Die Theologen haben recht, wenn sie sich vor dem Denken fürchten und darin ihren größten Feind sehen. Sie haben recht, wenn sie deshalb alle Machtmittel, sogar die des Staats, mobilisieren, um das Denken aus ihrer Machtsphäre auszuschalten. Aber die Theologen haben unrecht, wenn sie meinen, sie wirkten damit für den Glauben.

Der Name „christlich“ bleibt zweideutig; er sagt entweder: christentümlich, oder: Christ-gläubig. Wer gegen „das Christliche“ spricht, muß zweideutig sprechen. Wenn er gegen das Christentümliche spricht, spricht er noch nicht gegen das Christliche im Sinne des Christ-Gläubigen – aber auch nicht für dieses. Er kann dies als denkender auch nicht; es wäre, wenn er wollte, ein Mißverständnis; denn der Glaube bedarf solcher Fürsprache nicht; er kommt als Gnade aus Christus selbst. Aber es könnte nötig sein, und zwar des Denkens wegen, gegen das Christliche im Sinne des Christentümlichen zu sprechen. Dies Gegen könnte mittelbar, durch die Kluft zum Christlichen im Sinne des Glaubens, und wider den „Willen“ des Denkens ein Sprechen für den Glauben sein; dafür nämlich, daß er aus Christus ist und nicht aus der Theologie. Solche Überlegungen sagen dem Glaubenden und dem Denkenden nichts Neues. Sie sagen aber in einer Zeit der Verwirrung des Christlichen und in einer Zeit der Angst vor dem Denken vielleicht doch Menschen etwas Befremdliches. Wenn jedoch die Verwirrung des Christlichen noch einmal verwirrt wird in der Verkennung des Heiligen durch das Gerede von „der Transzendenz“, dann könnten solche Überlegungen wenigstens dazu dienen, auf die Kluft zwischen Glauben und Denken hinzuweisen.

Das Denken ist für den Glauben eine Torheit und das Unmögliche ist der Glaube für das Denken.

Aber beide sind einig, indem sie sich anerkennen; die Anerkennung besteht in der Forderung des Glaubens, daß das Denken Denken, und in der Forderung des Denkens, daß der Glaube Glaube sei. Diese Forderung wird jedoch als gemäße nicht dadurch lebendig, daß sie sich von beiden her ausspricht, sondern nur so, daß der Glaube ein Glaube ist und das Denken ein Denken. Also waltet in solchem Anerkennen doch ein Streit. Allerdings. Aber ein Streit, der nicht innerhalb und nicht durch menschliches Wollen geschlichtet wird. Vereinfacht ist der Streit verborgenerweise.

 

Leihmutterschaftsdrama

Wie dramatisch sich Leihmutterschaften entwickeln können, zeigt sich an dem Rechtsstreit, den die Leihmutter McKenna West (leider bisher vergeblich) gegen ein Bestellpaar aus Kalifornien führt. DIE TAGESPOST berichtet: 

Zum Hintergrund: Die Bestelleltern Nausheen Gilkar und Omar Ahmed, ein Paar aus Los Angeles, schlossen im August 2025 mit McKenna West, einer Krankenschwester aus Alaska, einen Leihmutterschaftsvertrag. Die alleinerziehende Mutter zweier Kinder sollte für das Paar, das bereits acht erfolglose Versuche einer künstlichen Befruchtung hinter sich hatte, ein Kind austragen. Für ihre Dienste als Leihmutter sicherte das Paar McKenna West vertraglich ein Honorar in Höhe von 60.000 US-Dollar zu.

Nachdem Ärzte in der 20. Schwangerschaftswoche bei dem Kind ein hypoplastisches Linksherzsyndrom (HLHS) diagnostizierten, forderten die Bestelleltern die Leihmutter auf, das Kind abzutreiben. Dabei beriefen sie sich auf den mit ihr geschlossenen Vertrag. Der soll eine Klausel beinhalten, die es den Bestelleltern erlaubt, eine Abtreibung des Kindes zu verlangen, wenn Ärzte bei diesem Anomalien feststellen.

West weigerte sich jedoch, das Kind abzutreiben, und floh mit diesem nach Texas. Der Grund: In dem im Süden der USA gelegenen Bundesstaat sind Abtreibungen grundsätzlich verboten. Laut Chapter 170 A des texanischen „Health and Safety Code“ darf auf dem Territorium des Bundesstaates niemand „wissentlich eine Abtreibung vornehmen, veranlassen oder einleiten.“ Außerdem gilt laut dem „Texas Family Code“ grundsätzlich die Frau als Mutter, die das Kind zur Welt bringt, auch als rechtliche Mutter. Mit einer Ausnahme: Liegt eine gerichtlich bestätigte Gestationsvereinbarung vor, können die Bestelleltern rechtlich als Eltern anerkannt werden, obwohl die Leihmutter das Kind geboren hat.

Die Bestelleltern verklagen daraufhin McKenna West wegen Vertragsbruchs auf Schadenersatz in Höhe von 100.000 US-Dollar sowie Anwaltskosten. 

Mehr: www.die-tagespost.de.

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