Ludwig Feuerbachs große Projektionsthese lautet: Gott ist keine von Menschen unabhängige Wirklichkeit, sondern die Projektion des idealisierten menschlichen Wesens. Alles, was Menschen Gott zuschreiben – wie etwa Liebe, Vernunft, Allmacht, Vollkommenheit oder Unsterblichkeit –, sind laut Feuerbach menschliche Wünsche, Fähigkeiten und Gattungsideale, die nach außen verlegt und als eigenständiges göttliches Wesen verehrt werden. Daher (Vorlesungen über das Wesen der Religion, Leipzig, 1851, Zwanzigste Vorlesung, S. 241):
Denn nicht Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde, wie es in der Bibel heißt, sondern der Mensch schuf, wie ich im Wesen des Christentums zeigte, Gott nach seinem Bilde.
Der niederländische Philosoph Jacob Klapwijk liegt meines Erachtens richtig, wenn er zeigt, dass Feuerbach nicht völlig falsch liegt. Menschliche Religion neigt in der Tat dazu, sich einen Gott nach eigenem Bilde zu schaffen, weshalb ja auch Johannes Calvin davon sprach, dass der menschliche Geist einer „Götzenfabrik“ gleicht (Institutio I,11,8).
Aber hören wir auf Jacob Klapwijk (Philosophische Kritik und göttliche Offenbarung, 1990, S.26–29):
Wie ist Feuerbachs einflußreiche Religionskritik zu bewerten? Wo stehen wir selbst? Aus dem Blickwinkel der Heiligen Schrift und der christlichen Überlieferung kann und muß Feuerbachs Lehre aus systematisch-theologischen Gründen zurückgewiesen werden. Doch eine theologische Kritik allein reicht nicht aus. Eine wissenschaftliche Beurteilung muß auch die Argumente würdigen und daher Feuerbachs religionsphilosophische Thesen einer philosophischen Kritik unterziehen.
Kritik an Feuerbach bedeutet zugleich auch Selbstkritik. Ein schuldbekennendes Wort ist hier am Platze, denn Kirche und Religion präsentieren sich in der Tat weitgehend als Bedürfnisreligion. Der damalige Pietismus und eine damit konform gehende Erlebnistheologie in der Nachfolge Hegels und Schleiermachers deuteten Religion als subjektives Bedürfnis, als subjektiven Gefühlsdrang zum Unendlichen. Wird der Kern der Religion als frommes, schlechthinniges Abhängigkeitsgefühl bestimmt (Schleiermacher), ist der Weg frei für die Schlußfolgerung: Gott ist Veräußerlichung, Projektion dieses frommen, subjektiven Gefühls.
Die Frage an uns lautet: Unterscheidet sich unser Christsein wesentlich von dem des 19. Jahrhunderts? Ist unser Glaube mehr als ein Bündel rationalisierter, subjektiver Gefühle? Verstehen wir unter Beten etwas anderes als das Auflisten privater Wünsche? Haben wir möglicherweise selbst der verbreiteten Meinung Vorschub geleistet, hinter dem frommen Getue gehe es letztlich nur um Eigennutz und Wohlergehen des christlichen Menschen. Oder anders: Wer ist Gott für uns? Erfüllungsgehilfe und Garantieschein – oder wesentlich mehr und wesentlich anders als das?
Feuerbach hatte nicht ganz unrecht, das damalige europäische Christentum als Bedürfnisreligion zu brandmarken: In Bedürfnisreligion steckte und steckt tatsächlich ein Stück Projektion. Und noch in einem zweiten Punkt ist Feuerbach stattzugeben, nämlich in seiner Verwerfung einer Verdopplung der Welt in eine natürliche und eine übernatürliche. Diese Doppelwelt-Lehre (Supranaturalismus) war eine Konstruktion der mittelalterlichen Scholastik, im Grunde mehr platonisch-neuplatonisch als christlich. Prägt die Vorstellung einer Weltverdoppelung das allgemeine Bewußtsein, dann eignet sich die obere Welt zweifellos als Projektionsraum für alle unerfüllten Sehnsüchte hier unten. In dieser Hinsicht ist Feuerbachs Kritik nicht abwegig.
An dieser Stelle ist wiederum eine theologische Selbstprüfung angebracht. In welchem Maß ist auch unser Denken von diesem scholastischen Dualismus gefärbt? Vermögen wir noch die Einheit des göttlichen Schöpfungshandelns wahrzunehmen? Erkennen wir noch, daß die ganze Welt auf Gott bezogen ist? Verstehen wir, daß Himmel und Erde gemeinsam der Vollmacht Jesu unterstehen? Ist die Welt als Schöpfung, als Kreatur nicht natürlich und übernatürlich in einem? Bereits die Rede von der Schöpfung als “Natur“ löst jene aus ihrem Gottesbezug. Die nachträgliche Addition eines sogenannten “übernatürlichen Seins“ ist im Grunde nur Flickwerk. Eines steht fest: Das Reich Gottes schwebt nicht über dieser Welt, sondern bricht sich in dieser Welt Bahn. In diesem Reich wird die Schöpfung nicht vernichtet, sondern vollendet.
Feuerbach fordert uns nicht nur zur Selbstprüfung auf, er konfrontiert uns auch mit einem prinzipiellen Problem, und dies zwingt zu einer christlich-philosophischen Kritik. Wenn wir mit Feuerbach davon ausgehen, daß Religion zu einem großen Teil in einer Projektion besteht, dann lautet die Frage: Welches sind die Bedingungen der Möglichkeit religiöser Projektion?
Ich sehe es folgendermaßen: Wenn nach Gen 1 der Mensch im Bilde Gottes geschaffen wurde, dann besagt dies: Der Mensch ist auf dieser Welt, um Gottes Liebe und Herrlichkeit in seinem eigenen Leben widerzuspiegeln. Dies ist sein Wesen und seine Bestimmung, seine Begrenztheit und seine Größe: Ein Bild, ein Abbild Gottes zu sein und sein zu müssen. Dies ist sein anthropologischer Status, zu dem der Mensch berufen ist und dazu bestimmt, anderen vorzuleben, wer Gott ist. Als Bildträger ist der Mensch in einem sehr besonderen Sinn Gott-bezogen.
Als Folge des Sündenfalls ist dieses Bild aber verzerrt, als habe sich gleichsam ein Vorhang zwischen das göttliche Urbild und das menschliche Abbild geschoben. Dennoch bleibt der Mensch Geschöpf Gottes und als solches unausweichlich auf seinen Schöpfer gerichtet, also abhängig. Die Sünde jedoch pervertiert das Gottesverhältnis in eine andere, selbstproduzierte Abhängigkeit – dies lesen wir im 1. Kapitel des Römerbriefes. Der Gott-lose Mensch setzt in seiner Torheit das Bild eines vergänglichen Menschen oder anderen Geschöpfes an die Stelle Gottes. Was soll das besagen?
Der unabstreifbaren Ausrichtung auf Gott bei gleichzeitiger Verdunkelung des Bildes Gottes im Menschen ist nur so zu begegnen, daß sich der Mensch selbst, bewußt oder unbewußt, ein Ideal-Bild schafft, auf welches hin er sich orientiert. Die Gott-Beziehung wird zur Abgott-Beziehung. Ist dem Geschöpf die Abbildung seines Schöpfers versagt, übernimmt die Einbildung diese Funktion, denn unentrinnbar bleibt der Mensch gottbezogenes, bildtragendes Geschöpf. In dieser Situation kommt es zur Veräußerlichung und Projektion – nicht nur in der Form des Götzenkultes, sondern in allen Formen selbstgemachten Gottesdienstes, auch innerhalb des Christentums. Feuerbach hat dies gesehen. Leider sah er im Christentum nichts anderes als Projektion. Was Feuerbach allerdings nicht recht erklären konnte, nämlich warum solch eine Veräußerlichung sich im Menschen ereignet, wird verständlich, sobald die biblische Botschaft ernstgenommen und der anthropologische Status des Menschen entdeckt wird.
Die Frage ist nicht nur, wie Projektion beginnt, sondern auch: Wie hört Projektion auf? Die Bibel sagt verschiedentlich, das wahre Bild Gottes habe sich in Jesus Christus manifestiert. Er ist nach Hebr 1 der Abglanz des Wesens Gottes. Daher liegt in der Begegnung mit ihm der kritische Maßstab. Erst in der konkreten, persönlichen Übereignung des Lebens an Christus hört die Motorik der Projektion auf. Dann wird der verdekkende Schleier der Sünde entfernt und werden wir selbst wieder zu Bildträgern Gottes. Die Bildmacher werden zu Bildträgern! Dann erfüllt sich 2. Kor 3, 18: „Wir alle aber spiegeln mit unverhülltem Angesicht die Herrlichkeit des Herrn wider und werden umgewandelt in dasselbe Bild von Herrlichkeit zu Herrlichkeit, nämlich von des Herrn Geistes.“ Weil Feuerbach die Ursache der Projektion philosophisch verkannt hat, verfehlte er auch die Möglichkeit ihrer Beendigung. Nicht der Geist der Aufklärung, sondern der Geist des Herrn macht allen religiösen Projektionen ein Ende.