Francis Schaeffer und dekonstruktivistische Spiritualität

Im Jahr 1951 erlebte Francis Schaeffer eine Glaubenskrise, die später als sein „Heuboden‑Erlebnis“ betitelt werden sollte. Nachdem er die inkonsequente christliche Praxis bei den Menschen um ihn herum und in seinem eigenen Leben beobachtet hatte, erklärte Schaeffer, er müsse zu seinem Ausgangspunkt zurückkehren und seine gesamte Position in Bezug auf das Christentum neu überdenken. Er gab an, er sei an den Anfang seines Denkens zurückgekehrt und habe sich durch all seine Überzeugungen in Bezug auf das Christentum hindurchgearbeitet, wobei er zu dem Schluss kam, dass es tatsächlich wahr ist.

Christopher Talbot meint, dass sich aus Schaeffers radikalem Umgang mit seinen Zweifeln einiges für den heutigen Umgang mit der sogenannten „Dekonstruktion“ lernen lässt. In dem Aufsatz „Die Sonne kam raus und das Lied erklang“ zeichnet er die Krise nach und gibt einige hilfreiche Hinweise für die Gegenwart. 

Zitat: 

Schaeffers Krise führte nicht dazu, dass sein Pendel zu einer anderen Art von Christentum oder gar keinem Christentum ausschlug; sondern dazu, dass er sowohl die intellektuelle als auch die geistliche Realität des historischen christlichen Glaubens bejahte. Schaeffer hatte seine eigene spirituelle Krise durchlebt, in der er das Christentum in seiner Gesamtheit überdachte. Er war bereit, es vollständig zu verwerfen. Dennoch überwand er diese Zeit tiefer Zweifel; er brach durch zu einem neu entfachten Eifer für die Wahrhaftigkeit des christlichen Glaubens. Sein eigenes Engagement, seine apologetische Methode und seine Sichtweise auf das Zeugnis der Kirche im 20. Jahrhundert sind Belege eines Menschen, der sich mit Zweifeln auseinandergesetzt hat und sich um diejenigen kümmerte, die selbst mit Zweifeln kämpfen.

Schaeffer bemühte sich nicht um eine Weiterführung der Dekonstruktion, sondern führte sich und diejenigen, denen er diente, in Richtung Rekonstruktion – hin zu einer Sichtweise, die den christlichen Glauben als wahr für das gesamte Leben betrachtet. Er sah das historische Christentum als etwas Ganzheitliches und Absolutes an. Er erlebte tiefe Zweifel und diente konsequent denen, die zweifelten, während er gleichzeitig auf den ewigen, persönlichen Gott hinwies, der tatsächlich da ist. Schaeffer war nicht perfekt und bietet kein makelloses Vorbild. Dennoch verstand er das Christentum als etwas, das man nur entweder vollständig annehmen oder aber vollständig ablehnen kann. Dies spiegelt sich wieder in seiner Apologetik, die eine ganzheitliche Welt- und Lebensanschauung bietet, welche verifiziert und getestet werden kann. Voll Mitgefühl setzte Schaeffer diese überzeugende Apologetik in die Tat um. Schließlich stellte er die wahre christliche Position konsistent klar und versuchte, das wahre Christentum von unnötigem oder schädlichem kulturellen Ballast zu befreien. Durch die konsequente Umsetzung dieser Elemente bietet uns Francis Schaeffer heute eine überzeugende Vision, wie wir Menschen begleiten können, an denen Dekonstruktion und Zweifel nagen – eine Vision, die heute weitsichtiger denn je erscheint. Wenn wir Schaeffers Vorbild folgen, können wir Menschen, die selbst geistliche Zweifel durchleben müssen und daraus hervorgehen, dazu verhelfen, zu sagen: „Allmählich kam die Sonne raus, und das Lied erklang.“

Mehr: www.evangelium21.net.

„EU finanziert Abtreibungs-Mekka“

Der ehemalige EU-Gesundheitskommissar Tonio Borg übt scharfe Kritik an der Entscheidung der Europäischen Kommission, Abtreibungen künftig als Gesundheitsleistung mitzufinanzieren. Die Europäische Bürgerinitiative „My Voice, My Choice“ forderte von der Europäischen Kommission, Frauen aus ganz Europa Zugang zu „sicheren Abtreibungen“ zu gewähren. Mithilfe eines neuen, von der EU finanzierten Instruments sollten Frauen auch aus Ländern mit restriktiver Abtreibungsgesetzgebung einfacher in anderen Ländern abtreiben können. Lebensrechtler bezeichnen dies als „Abtreibungstourismus“. Zwar lehnte die Kommission letzte Woche ab, ein eigenes Finanzinstrument für dieses Anliegen zu schaffen, verwies aber auf den Europäischen Sozialfonds (ESF+), über den die Mitgliedsländer zukünftig auch Abtreibungsdienste finanzieren können.

Der TAGESPOST sagte Borg: 

Nach den EU-Verträgen liegen Fragen wie Abtreibung oder Euthanasie in der ausschließlichen Zuständigkeit der Mitgliedstaaten. Wenn es kein europäisches Grundrecht auf Abtreibung gibt, wie kann man dann Staaten verpflichten, über EU-Mittel Abtreibungen in anderen Ländern mitzufinanzieren? Das widerspricht ganz klar dem Subsidiaritätsprinzip. Wenn die Kommission Kompetenzen ausdehnt, für die sie keine Zuständigkeit hat, entsteht ein gefährlicher Präzedenzfall. Heute ist es Abtreibung, morgen könnten es Steuer- oder Außenpolitik sein.

Ein einzelner EU-Mitgliedstaat kann künftig Mittel aus dem ESF+ beantragen, um Abtreibungen auch für Frauen aus anderen Mitgliedstaaten zu finanzieren, in denen diese Eingriffe nicht erlaubt sind. Länder mit liberaler Gesetzgebung könnten so zum Abtreibungs-Mekka werden und sich dank EU-Geldern mit Abtreibung bereichern.

Für alle Mitgliedstaaten bedeutet das: Wenn jetzt über den ESF+ Abtreibungen mitfinanziert werden, sind alle Mitgliedstaaten gezwungen, etwas zu finanzieren, was in einzelnen Mitgliedstaaten illegal ist oder streng reguliert wird. Das betrifft nicht nur Malta oder Polen, wo Abtreibung sehr streng reguliert wird, sondern zum Beispiel auch Italien. Dort ist Abtreibung in den letzten drei Schwangerschaftsmonaten nicht erlaubt, in anderen Ländern schon. Warum sollte Italien es jetzt indirekt mitfinanzieren, wenn eigene Staatsbürgerinnen im Ausland tun, was im eigenen Land verboten ist? Das ergibt weder politisch noch demografisch Sinn – insbesondere angesichts sinkender Geburtenraten in ganz Europa.

Mehr: www.die-tagespost.de.

„Leser dürfen erwarten, dass das Buch auf sie zukommt“

Jeff Bezos von Amazon hat bei der von ihm gekauften WASHINGTON POST massive Kürzungen durchgesetzt. Einerseits kann ich verstehen, dass er irgendwann mal schwarze Zahlen schreiben möchte, andererseits ist es irgendwie betrüblich, dass er auch die Redaktion der „Book World“ und damit den kompletten Rezensionsteil rausgeworfen hat. Amazon ist ursprünglich mit dem Verkauf von Büchern groß geworden. Bücher scheinen aber inzwischen für den Chef (und den Konzern) nur noch Waren zu sein, mit denen Geld verdient werden soll. 

In dem Artikel „Büchertapete gefällig?“ (FAZ, 28.02.2026, Nr. 50, S. 12) weist Steffen Martus darauf hin, dass die Einstellung der seriösen Literaturkritik ein Symptom einer größeren Entwicklung sei. Diese Entwicklung könne auf den Punkt gebracht werden: „Der Kunde wird überall zum König. Dieser Marketinggrundsatz, den sich niemand so sehr zu eigen gemacht hat wie Amazon, klingt schlicht, bedeutet aber für bestimmte Gesellschaftsbereiche eine enorme Herausforderung. Statt nämlich die Güte eines Produkts aus dessen Leistung und Qualität abzuleiten, tritt der Rezeptionserfolg in den Vordergrund. Der Fehler liegt somit stets beim Produkt, das sich nicht verständlich machen kann, und nicht etwa beim Kunden, der zu wenig von der Sache versteht.“

Für Bücher bedeutet das:

Diese Umorientierung ist durch viele unscheinbare Signale fest im Alltag verankert. So bestätigen etwa die omnipräsenten Kundenbefragungen den Konsumenten permanent in seiner Urteilsbefugnis und erzeugen im gleichen Moment Urteilsbedarf. Wer an immer mehr Orten – in der Toilette, im Zug, im Restaurant, beim Bäcker, in der Bibliothek, im Museum – und in immer mehr Situationen als Kunde angeschaut wird, schaut dann eben auch immer häufiger als Kunde zurück, und zwar auch auf jene Bereiche, denen das nicht guttut. Im Fall des Buches bedeutet dies: Die Leser dürfen erwarten, dass das Buch auf sie zukommt und nicht umgekehrt. Die Populärliteratur hat damit, wie der Namen [sic!] schon sagt, keine Probleme. Für die „hohe“ Literatur, die auf Originalität, Konventionsbruch und die Herausforderung der Leser setzt, verändert es die Geschäftsgrundlage.

Wenn ein Buch immer nur den Erwartungen der Leser entspricht, bleibt kaum Raum für eine Transformation durch die Lektüre. Bücher dürfen und sollen Leser herausfordern – und auch überfordern. Kant hat die Welt verändert, obwohl seine Leser zunächst die kantische Sprache erlernen mussten – nicht, weil er ihnen entgegengekommen ist.

Übrigens lässt sich in der christlichen Szene ein vergleichbarer Trend im Umgang mit der Bibel feststellen. Die Bibelleser werden dazu erzogen, dass die Heilige Schrift auf sie zukommt. Einige Kirchenvertreter fordern, dass die alten Sprachen aus dem Theologiestudium verbannt werden. Und auch die immer stärkere Verbreitung kommunikativer Bibelübersetzungen ist nichts anderes als ein Auf-den-Leser-Zugehen. Sätze in der BasisBibel enthalten in der Regel nicht mehr als 16 Wörter. Der eine Satz aus Epheser 1,3–14 enthält nach meiner Zählung 202 Wörter. 

Wenn die Bibel ständig an den Erkenntnishorizont ihrer Leser herangeführt wird, können diese nicht aus ihrer Erkenntnisenge herausgeführt werden. Kommunikative Bibelübersetzungen haben durchaus ihre Daseinsberechtigung. Bei ihrem besonnenen Einsatz darf allerdings nicht vergessen werden, dass es der menschliche Sinn ist, der einer Transformation bedarf. Die Bibel darf und soll ihren Leser überfordern, aufregen und stören. Nur dann kann das Gedankenkarussell des menschlichen Denkens aufgebrochen werden. 

Gleiches ließe sich über die Predigt sagen. In vielen Kirchengemeinden wird noch maximal 15 Minuten gepredigt. Das mag den Erwartungshaltungen der Hörer entsprechen. Bibeltexte gründlich auslegen kann man in so einer kurzen Zeit aber nicht. 

Hier übrigens noch eine Buchempfehlung für Bibeleinsteiger: Bibelstudium für Einsteiger: Eine Einführung in das Verstehen der Heiligen Schrift von R.C. Sproul (#ad).

Der Preis der Spezialisierung

Der Romanist Gerhard Poppenberg bedauert in „Das Leben des Geistes“ die Abwertung der Geisteswissenschaften und macht dabei auf zwei wichtige Sachverhalte aufmerksam (FAZ, 25.02.26, Nr. 47, S. N4). 

Erstens erklärt Poppenberg, dass wir bei aller vermeintlichen „Faktizität“ Dinge wie Naturphänomene immer auslegen. O-Ton:

Warum und wozu brauchen wir Geisteswissenschaften? Philosophie und Kunst, Literatur und Geschichte sind Teil der westlichen Zivilisation. Ideen, Bilder, Geschichten und Erinnerungen machen die Verfassung des menschlichen Geistes aus. Die Philosophie zeigt, dass Gedanken und Begriffe eine historische Dimension haben. Sie entfalten sich im Laufe der Zeit durch Differenzierung und setzen so ihre Wahrheit nach und nach frei. Bei Worten und Bildern, Mythen und Geschichten verhält es sich entsprechend. Diese Dynamik, so Gadamer in der Nachfolge Hegels, bildet das Leben des Geistes.

Die Erklärung beispielsweise von Naturphänomenen ist immer auch in eine Auslegung der Welt, der Natur und des Menschen eingebunden. Es ist ein bedeutender Unterschied, ob die Welt griechisch als physis und kosmos, christlich als Schöpfung und gefallene Welt oder wissenschaftlich als naturgesetzmäßig geordnete Ansammlung von Atomen, hervorgegangen aus einem Urknall, konzipiert wird. Welt ist nicht einfach da, sie wird immer schon gedeutet. Und sich darüber Klarheit zu verschaffen, ist die Aufgabe jeder historisch ausgelegten Forschung. Sie zeigt, dass es auch anders sein könnte und dass Veränderungen des leitenden Deutungsmusters zu Veränderungen im Weltbild führen können.

Zweitens spricht er an, dass wir heutzutage durch eine immer weitergehende Spezialisierung verlernt haben, in Zusammenhängen zu denken:

Vergangenes Jahr hat der Historiker Dieter Langewiesche eine Studie über die im 19. Jahrhundert bis tief ins 20. Jahrhundert an Universitäten regelmäßig gehaltenen Rektoratsreden vorgelegt. Auffällig ist, dass in den Reden ein Grundgedanke über alle Fächer und alle Zeiten hinweg gleich blieb. „Die Universität ist ein Ort der Forschung und deshalb eine Bildungsinstitution.“ Das Bildende der Forschung liege im wissenschaftlich-methodisch ausgerichteten Zugang zur Welt, der nicht nur für einen besonderen Beruf qualifiziere, sondern darüber hinaus grundlegende Fähigkeiten ausbilde. Das Ziel war ein „Habitus, den man im Studium erwirbt und sich lebenslang bewahrt“: eine Form von Urteilskraft, die neue Probleme anzugehen und mit Unvorhergesehenem und Unbekanntem umzugehen versteht.

Dieser Grundgedanke wird mit zunehmender Differenzierung und Spezialisierung der Fächer immer problematischer. Schon vor hundert Jahren stellten Fachwissenschaftler ernüchtert fest, dass sie Mühe hatten, etwa als Physiker von der ingenieurwissenschaftlichen Mechanik über die Teilchenphysik bis zur Astrophysik das gesamte Fach im Einzelnen im Blick zu haben – von anderen Fächern zu schweigen.

Das gilt heute endgültig, und zwar nicht nur für ganze Fachkomplexe, denn die Spezialisierungen reichen inzwischen bis in die Spezialgebiete eines Faches.

„Chatbots sind so etwas wie ein Beichtstuhl“

Zoë Hitzig hat bei dem Unternehmen Open AI gekündigt, weil sie die Entscheidung, Werbung auf ChatGPT einzuführen, nicht mittragen kann. Das verdient Respekt! In einem FAZ-Interview erläutert sie ihre Bedenken. Open AI habe sich gewandelt, „von einem Unternehmen, das Sorgen über Effekte dieser Technologien in den Vordergrund gestellt hat, zum am schnellsten wachsenden Start-up der Geschichte“.

Weiter: 

Und das hat dann etwaige gute Absichten verschwinden lassen?

Ich denke, der überwältigende Erfolg von ChatGPT hat eine massive Versuchung geschaffen, der Leute an entscheidenden Stellen im Unternehmen erlegen sind. Außerdem gibt es ein gnadenloses Rennen um KI-Technologien, nicht nur innerhalb der USA, sondern mit Wettbewerbern aus dem Ausland, zum Beispiel China. Der Markt ist extrem umkämpft, und das setzt die Unternehmen unter Druck.

Warum finden Sie Werbung in Chatbots wie ChatGPT schlimmer als in sozialen Medien?

Aus zwei Gründen. Zum einen wegen der Daten, die KI-Systeme haben. Soziale Medien wissen zwar auch sehr viel über ihre Nutzer. Aber das leiten sie vor allem von ihren Handlungen ab, also was sie anschauen, was sie anklicken oder was sie kaufen. Bei Chatbots geht es um mehr. Sie sind so etwas wie ein Beichtstuhl. Nutzer vertrauen ihnen ihre privaten Gedanken und auch ihre tiefsten Ängste an.

Und der zweite Grund?

Die Einführung von Werbung schafft einen Anreiz für Unternehmen, die Zeit zu maximieren, die Nutzer mit den Chatbots verbringen. Und ich habe Angst, dass wir die sozialen und psychologischen Konsequenzen, die das haben kann, noch gar nicht verstehen. Und wenn ich diese beiden Sachen kombiniere – Maximierung von Zeit mit einer Technologie, die Zugriff auf private Gedanken hat –, dann finde ich das ziemlich furchteinflößend.

Mehr (hinter einer Bezahlschranke): www.faz.net.

Geschlechtsangleichende Maßnahmen für Minderjährige auf dem Prüfstand

Wer vor Geschlechtsumwandlungen bei Jugendlichen warnt, gilt seit Jahren als verbohrt oder rückständig. Das Argument: Die Wissenschaft habe eindeutig belegt, dass Pubertätsblocker, Hormone oder das Entfernen von biologischen Geschlechtsmerkmalen der Goldstandard der medizinischen Versorgung seien. Auch die medizinische Leitlinie zur fachgerechten Behandlung von transgeschlechtlichen Kindern und Jugendlichen, die 2025 von mehreren Fachverbänden verabschiedet wurde, überlässt den Jugendlichen die Entscheidung über eine eventuelle Behandlung: „Über eine geschlechtsangleichende Hormonbehandlung sollte eine jugendliche Person nach Angaben der Leitlinie immer selbst in der Lage sein zu entscheiden, und die Eltern sollten dem zustimmen. Fachleute sollen Betroffene dabei unterstützen, eine abgewogene Entscheidung zu treffen. Für die Begleitung der Jugendlichen ist es der Leitlinie zufolge wichtig, dass diese Expertinnen und Experten mehrere Jahre Erfahrung auf dem Gebiet habe“ (aus dem dpa-Beitrag: Wie Trans-Jugendliche richtig behandelt werden sollten).

Inzwischen kommt Bewegung in die Sache – zumindest in den USA. In der NEW YORK TIMES ist am 24. Februar ein Meinungsbeitrag von Jesse Singal erschienen. Darin stellt er fest, dass die Verantwortlichen bisher nicht der Wissenschaft, sondern eigenen Vorstellungen gefolgt sind. Da jetzt ein entsprechender Fall vor Gericht gelandet ist und einer Person, die sich einer Geschlechtsumwandlung unterzogen hatte, eine Entschädigung in Höhe von 2 Millionen US-Dollar zugesprochen wurde, geraten die Verbände in Schwierigkeiten und müssen reagieren.

Hier ein Zitat. 

Amerikanische Befürworter der Gendermedizin für Jugendliche bestehen seit Jahren darauf, dass überwältigende Beweise dafür sprechen, geschlechtsdysphorischen Jugendlichen Pubertätsblocker, Hormone und, im Falle biologischer Frauen, Operationen zur Entfernung ihrer Brüste zu verabreichen.

Es spielte keine Rolle, dass die Zahl der Kinder, die in Geschlechtskliniken auftauchten, sprunghaft angestiegen war und dass sie häufiger komplexe psychische Erkrankungen hatten als diejenigen, die in den Jahren zuvor in die Kliniken gekommen waren, was die Diagnose erschwerte. Befürworter und Gesundheitsorganisationen blieben einfach hartnäckig. Wie ein Plakatwagen der LGBTQ-Interessengruppe GLAAD im Jahr 2023 verkündete: „Die Wissenschaft ist sich einig.“ Die Human Rights Campaign erklärt auf ihrer Website, dass „die Sicherheit und Wirksamkeit geschlechtsbejahender Behandlungen für transgender und nicht-binäre Jugendliche und Erwachsene eindeutig ist“. Anderswo bezeichneten diese und andere Gruppen, wie die American Civil Liberties Union, diese Behandlungen als „medizinisch notwendig“, „lebensrettend“ und „evidenzbasiert“.

Der Grund, warum diese Befürworter so starke Aussagen machen konnten, ist, dass die wichtigsten medizinischen und psychologischen Fachorganisationen des Landes seit Jahren eine ähnliche Melodie gesungen haben: „Die Wissenschaft“ sei angeblich in Dokumenten festgeschrieben, die von diesen Organisationen veröffentlicht wurden. Wie GLAAD auf seiner Website schreibt: „Alle großen medizinischen Vereinigungen unterstützen die Gesundheitsversorgung für Transgender-Personen und -Jugendliche als sicher und lebensrettend.“

In den letzten Wochen ist jedoch etwas Verwirrendes passiert: In der vermeintlichen Mauer des Konsenses sind Risse aufgetreten.

Nachdem sie 2024 Bedenken hinsichtlich der Evidenzbasis geäußert hatte, war die American Society of Plastic Surgeons am 3. Februar die erste große amerikanische Ärztevereinigung, die die Jugendgeschlechtsmedizin seit ihrer breiten Einführung öffentlich in Frage stellte. Die Organisation veröffentlichte eine neunseitige „Stellungnahme“, in der sie ihren Mitgliedern von geschlechtsbezogenen Operationen vor dem 19. Lebensjahr abriet und darauf hinwies, dass es derzeit keine validierten Methoden gebe, um festzustellen, ob sich die Geschlechtsdysphorie bei Jugendlichen ohne medizinische Behandlung auflösen werde. (Das Dokument räumte auch ein, dass ähnliche Unsicherheiten in Bezug auf Blocker und Hormone bestehen, obwohl dies für die Praxis von plastischen Chirurgen weniger direkt relevant ist.

Am nächsten Tag gab die American Medical Association, die solche Eingriffe seit langem befürwortet, bekannt, dass „in Ermangelung klarer Beweise die A.M.A. mit der A.S.P.S. übereinstimmt, dass chirurgische Eingriffe bei Minderjährigen generell bis zum Erwachsenenalter aufgeschoben werden sollten”.

Diese Erklärungen wurden wenige Tage nach dem Urteil veröffentlicht, mit dem eine Frau namens Fox Varian als erste Person einen Prozess wegen Behandlungsfehlern gewann, nachdem sie sich einer Geschlechtsumwandlung unterzogen hatte und diese später bereute. Frau Varian und ihr Anwalt argumentierten, dass ihr Psychologe und ihr plastischer Chirurg in einem Vorort von New York trotz ihrer ernsthaften psychischen Probleme und ihrer offensichtlichen Ambivalenz gegenüber ihrer Transgenderidentität versäumt hätten, sie zu schützen, indem sie mit 16 Jahren eine doppelte Mastektomie durchführten. (Viele Ärzte und Befürworter der Gendermedizin sind der Ansicht, dass die sorgfältige Prüfung oder sogar Erforschung von Behauptungen einer Transgender-Identität de facto einer Konversionstherapie gleichkommt. Die vom Gericht zugesprochene Entschädigung in Höhe von 2 Millionen Dollar wird Krankenhäusern und Kliniken, die diese Behandlungen weiterhin ohne wesentliche Sicherheitsvorkehrungen anbieten, höchstwahrscheinlich zu denken geben.

Die Wissenschaft scheint doch nicht so eindeutig zu sein, und es ist wichtig zu verstehen, was hier passiert ist. Die Haltung der linksgerichteten Amerikaner und unserer Institutionen – anzunehmen, dass eine wissenschaftliche Organisation, wenn sie eine Grundsatzerklärung zu einem brisanten Thema veröffentlicht, diese Grundsatzerklärung auch korrekt sein muss – zeugt von einem zutiefst naiven Verständnis von Wissenschaft, menschlicher Natur und Politik und deren Wechselwirkungen.

Mehr: www.nytimes.com.

VD: WH

Kehrt das „Sie“ langsam zurück?

Jahrhundertelang wurden die Anredeformen respektvoller, doch seit sechzig Jahren breitet sich das „Du“ aus. Eine Wirkung der 68er-Generation. Jannis Koltermann erklärt die Entwicklung und sieht inzwischen ausgerechnet in Skandinavien Anzeichen für einen Gegentrend.

Hier ein Auszug (FAZ, 21.02.26, Nr. 44, S. 14): 

In den Siebzigerjahren sorgte der Soziologe Richard Sennett mit dem Schlagwort „Tyrannei der Intimität“ für Aufsehen. Die Gegenwart, beklagte er, habe Nähe zu einem moralischen Wert an sich erhoben und den Mythos etabliert, dass sich „sämtliche Missstände der Gesellschaft auf deren Anonymität, Entfremdung, Kälte zurückführen“ ließen.

Die Ausbreitung des Duzens hatte Sennett damals nicht gemeint – vielleicht, weil er sich vorrangig im englischen Sprachraum bewegte, vielleicht, weil sie damals gerade erst eingesetzt hatte. Doch fühlt sich unweigerlich an Sennett erinnert, wer heute an einem gewöhnlichen Tag in Deutschland darauf achtet, wie er von wem angesprochen wird. „Was möchtest du trinken?“, fragt der Kellner im Café. Auf der Arbeit eine E-Mail von der Chefin: „Würdest du das bis heute Abend schaffen?“ Der Energieanbieter teilt mit: „Deine Rechnung ist online.“ Und das Museum verspricht: „Du bist Teil der Geschichte!“

In all diesen Situationen wäre vor sechzig und vermutlich noch vor zwanzig Jahren das Sie üblich gewesen. In all diesen Situationen wird einem das Du heute geradezu aufgedrängt. Servicekräfte und Unternehmen scheinen gar nicht daran zu denken, dass man vielleicht lieber gesiezt werden möchte – und wer lehnt schon das Duz-Angebot seines Vorgesetzten ab? Während man früher im Zweifel auf das Sie setzte, gilt gerade das heute in vielen Situationen als deplatziert. Siezen auf Twitter sei „unhöflich“, befand der Youtuber Rezo einmal.

Historisch ist diese Entwicklung nahezu einmalig. Über Jahrhunderte hinweg wurden die Anredeformen immer respektvoller. Ursprünglich gab es im Deutschen nur das Du, ehe sich im Hochmittelalter das Ihr als höflichere Anrede für und unter Adeligen herausbildete. Um 1600 kam das Er/Sie (dritte Person Singular), um 1700 das Sie (dritte Person Plural) als jeweils noch ehrerbietigere Formen hinzu, sodass im 18. Jahrhundert ganze vier Anredeformen nebeneinanderstanden, mit denen sich gesellschaftliche Rangunterschiede präzise benennen ließen. Dann erfolgte eine Angleichung nach oben: Ihr und Er gerieten allmählich in Vergessenheit, weil das aufstrebende Bürgertum nun ebenfalls das Sie als höchste Höflichkeitsform für sich in Anspruch nahm.

Magisches Denken

Jan Wiele fragt sich, weshalb viele Menschen für die KI schwärmen, obwohl die Schwächen so offensichtlich sind. Hier ein Auszug (FAZ, 23.02.26, Nr. 43, S. 11):

Warum reden rationale Menschen so schwärmerisch über Künstliche Intelligenz wie die Anhänger einer Religion? Woher das Vertrauen?
Was „Künstliche Intelligenz“ angeht, erleben wir seit einiger Zeit einen Extremfall von kognitiver Dissonanz: Auf der einen Seite wird ständig erzählt, wie diese sogenannte Intelligenz immer besser werde und immer komplexere Aufgaben lösen könne. Auf der anderen Seite zeigen sich weiter jeden Tag die haarsträubenden Fehler, die KI erzeugt. Längst ist die Welt durchsetzt von Falschinformationen, die zum Teil leicht erkennbar sind, in vielen Fällen aber nicht, weil das Erkennen Expertenwissen erfordert.

Jüngst etwa musste Google KI-Zusammenfassungen über Leberfunktionstests entfernen. Die falschen Informationen in den Zusammenfassungen wurden von Experten als gesundheitsgefährdend und daher alarmierend eingestuft. Eine von 22 internationalen Nachrichtenportalen gemeinsam durchgeführte Überprüfung aus dem Herbst 2025 ergab, dass KI-Assistenten Nachrichteninhalte in 45 Prozent der Fälle falsch darstellen.

Die Fehler der KI, so auffällig oder so alarmierend sie sind und so oft sie dokumentiert werden, scheinen allerdings weder bei den bezahlten Propagatoren noch den freiwilligen Werbeträgern zu einer Einsicht zu führen. Egal, wie eklatant KI versagt, die Reaktion darauf scheint stets schon ausgemacht: Das seien eben „Kinderkrankheiten“, die bald überwunden sein werden.

Erstaunlich ist, dass dieses Mantra auch aus den Mündern von Menschen kommt, die es eigentlich besser wissen müssten und wider alle Evidenz daran festhalten.

Die große Verunsicherung

Die Karriereberaterin und Therapeutin Brigitte Scheidt beobachtet bei ihren Ratsuchenden eine zunehmende Verunsicherung. 

Hier der Auszug aus einem Interview: 

Vieles ist im Wandel. Macht sich das in Ihrer Praxis als Psychologische Psychotherapeutin bemerkbar?

Die rasante Veränderung ist spürbar. Ich beobachte, dass die Orientierungslosigkeit zunimmt, zumal viele nicht wissen, woran man sich denn orientieren soll. Unter anderem Kirchen und Parteien gelten nur bedingt als Antwortgeber. Unsere Selbstverständlichkeiten brechen weg. Es ist fast revolutionär. Die KI lässt ganze Berufsbilder verschwinden. Werte werden infrage gestellt. Wo es früher ein gemeinschaftliches Verständnis gab, löst sich das auf. Wir leben in polarisierten Zeiten, wo nahezu alles kontrovers gesehen wird.

Und das bewirkt große Verunsicherung?

Dass die Demokratie auf einmal verwundbarer erscheint, wir Krieg in Europa haben und scheinbar sichere Berufe auf einmal nicht mehr sicher sind, das erfordert, mit Ohnmachtserfahrung umzugehen angesichts der Komplexität, in der wir leben. Vor Kurzem Undenkbares wird Realität. Niemand kann sagen, wie die Welt in fünf Jahren aussieht. Damit klarzukommen, muss erst noch gelernt werden.

Mehr (hinter einer Bezahlschranke): www.faz.net.

Die Entheiligung der Sexualität

Carl Trueman liefert in seinem Artikel „Playing God, Becoming Nothing“ Beobachtungen, die für eine Entheiligung und -würdigung des Menschen in einer Kultur sprechen, in der Gott keine Rolle mehr spielt:

In der vergangenen Woche habe ich drei Dinge gelesen, die einen Einblick darin eröffneten, wie leer die moderne Vorstellung davon, was es bedeutet, Mensch zu sein, tatsächlich ist.

Das erste war eine E-Mail, die ich von einem Studenten einer Ivy-League-Universität erhielt [d.h., sie gehört zu den prestigeträchtigsten Universitäten der USA; Anm. R.K.], an der ich kürzlich einen Vortrag über die Verrohung gehalten hatte, die unsere heutige Zeit kennzeichnet. Er erinnerte sich daran, wie er einige Tage nach meinem Vortrag in eine Bar ging, in der sich intelligente, kluge junge Leute aufhielten – Studenten, Anwälte, Vertreter der professionellen, intellektuellen Schichten. Dort fiel ihm auf, dass auf den Fernsehbildschirmen an der Wand nicht wie üblich Profisport übertragen wurde, sondern pornografische Filme mit Sexszenen. So schockierend das für ihn auch war, noch schockierender war die Selbstverständlichkeit, mit der der Barbetrieb wie gewohnt weiterging und die Gespräche unvermindert fortgesetzt wurden.

Pornografie steht für die moderne Entmenschlichung. Sie ist der praktische Höhepunkt der Logik der sexuellen Revolution, indem sie den intimsten Akt der Selbsthingabe zwischen zwei Menschen in einer festen, dauerhaften Beziehung in kostenlose Unterhaltung verwandelt und sexuelle Handlungen und diejenigen, die sie ausüben, zu Waren für die billige Unterhaltung Dritter degradiert. Und in dieser Bar war sie zu nichts weiter als Hintergrundgeräuschen beim Mixen von Cocktails und beim alltäglichen Beisammensein geworden. Was einst den schäbigsten Clubs in den zwielichtigsten Gegenden der Stadt vorbehalten war, findet man heute in Mainstream-Etablissements, wo es bei den Kunden höchstens ein Achselzucken oder ein Augenrollen hervorruft. Etwas, das einst als heilig galt, wurde entweiht, und niemand schien sich darum zu kümmern oder es überhaupt zu bemerken. Man kann nur zu dem Schluss kommen, dass Sex so sehr entweiht wurde, dass jeder Rest seiner heiligen Bedeutung in der Vorstellung der Menschen längst verschwunden ist.

Mehr: firstthings.com. Empfohlen sei auch Der Siegenzug des modernen Selbst von Carl Trueman. 

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