Jesus starb für sein Volk
Das Johannesevangelium berichtet darüber, wie sich nach der Totenauferweckung von Lazarus (vgl. Joh 11,1–45) die Pharisäer gegen Jesus aus Nazareth verbündeten und seine Tötung beschlossen (vgl. 11,53).
Der Abschnitt enthält eine erstaunliche Aussage: Kaiphas (oder Kajafas), der damals Hoherpriester war, spricht quasi „ahnungslos“ ein prophetisches Wort, indem er erklärt, dass Jesus für die Kinder Gottes im jüdischen Volk sterben wird. Johannes ergänzt dann mit einem Zusatz, dass Jesus auch für die Kinder Gottes in den anderen Völkern sterben werden. Nach der Genfer Übersetzung liest sich das wie folgt (11,49–52):
Einer von ihnen, ein gewisser Kajafas, der in jenem Jahr Hoherpriester war, sagte: „Begreift ihr denn überhaupt nichts? Habt ihr euch nie überlegt, dass es in eurem Interesse ist, wenn ein Mensch für das Volk stirbt und nicht das ganze Volk umkommt?“ Kajafas sagte das nicht aus sich selbst heraus. Er redete aus prophetischer Eingebung, weil er in jenem Jahr Hoherpriester war, und sagte voraus, dass Jesus für das ´jüdische` Volk sterben werde. Jesus starb allerdings nicht nur für das ´jüdische` Volk, sondern auch, um die ´über die ganze Welt` verstreuten Kinder Gottes zusammenzuführen und eins zu machen.
Hier wird bestätigt, was Jesus selbst zuvor im „Hirtenwort“ angekündigt hatte: „Und ich habe noch andere Schafe, die sind nicht aus diesem Stall; auch sie muss ich herführen, und sie werden meine Stimme hören, und es wird eine Herde und ein Hirte werden“ (Joh 19,16). Jesus rettet demnach auch Schafe aus nichtjüdischen Ställen und versammelt sie mit den jüdischen Schafen unter seiner Aufsicht in einer Herde.
Der Reformator Johannes Calvin hat das sehr schön kommentiert (Johannes Calvin, Das Evangelium des Johannes, Bellingham, WA: Logos Bible Software, 2024, zu Joh 11,51–52):
Denn Jesus sollte sterben für das Volk usw. Die in diesen Sätzen gewählte Ausdrucksweise zeigt, dass unser Heil darin steht, dass Christus uns zu seinem Volke sammelt. Auf diese Weise verbindet er uns von neuem mit dem Vater, dem Quell alles Lebens. So lange bleibt die Menschheit zerrissen und gottentfremdet, bis sie, unter Christo, dem Haupte, vereinigt, zusammenwächst als eine Schar liebender Gotteskinder (vgl. Joh. 17,11.21; Eph. 1,10). Wollen wir im Vollgenusse des Heiles Christi stehen, so muss aller Zwiespalt beseitigt werden, und wir müssen eins werden mit Gott, seinen Engeln und allen wahren Christen. Ursache und Unterpfand dieser Einheit ist der Tod Christi, in welchem er alle Last auf sich genommen hat. Alltäglich eröffnet wird uns aber der Eintritt in Christi Hürden durch das Evangelium.
Und nicht für das Volk allein. Die in Christo geschehene Versöhnung erstreckt sich auch auf die Heiden. Aber wie kamen diejenigen zu dem schönen Namen der Kinder Gottes, welche, jammervoll hier- und dorthin zerstreut, sich auf ihren Irrwegen vielmehr als Feinde Gottes erwiesen? Antwort: Das liebende Herz Gottes gedachte ihrer schon als Gotteskinder, als sie ihrem ganzen Betragen nach noch irrende und verlorene Schafe waren, ja das Gegenteil von Schafen: Wölfe und reißende Tiere.