Paul Liessmann: Wissenschaft spricht nicht mit einer Stimme
In einer kürzlich gehaltenen Festrede über Wissenschaft hat der österreichische Philosoph Konrad Paul Liessmann sehr anschaulich darauf hingewiesen, dass der Aktivismus der Gegenwart nichts mit Wissenschaft zu tun hat. Die zunehmende Verzahnung von Wissenschaft und Politik verenge die Erkenntnis. Das gilt übrigens auch für die sogenannten Wissenschaftssendungen, die uns im Fernsehen „eineindeutige“ Handlungsanweisungen verkaufen.
Hier einige Auszüge aus der Rede von Prof. Liessmann (FAZ, 03.06.2026, Nr. 126, S. N4):
Das Verhältnis von Wissenschaft und Politik schien einmal so einfach. Sie erinnern sich: Kaum ein Imperativ erfuhr so viel begeisterte Zustimmung wie die schlichte Aufforderung: „Follow the science!“ – „Folgt der Wissenschaft!“. Das war eine der Parolen, mit denen Greta Thunberg die Klimabewegung enthusiasmierte, und der zeitweilige Schulterschluss zwischen „Scientists for Future“ und umweltbesorgten Aktivisten schien ein durchaus Erfolg versprechendes Bündnis zur Bekämpfung des globalen Klimawandels zu sein. Allen, die diesem Ruf nicht bereitwillig folgen wollten, konnte man Ignoranz, Wissenschaftsskepsis, Anfälligkeit für Verschwörungstheorien oder Schlimmeres vorwerfen. Aus den eindeutigen wissenschaftlichen Befunden schien doch klar hervorzugehen, was getan werden muss, nur beharrende Kräfte und renitente Bürger hatten die Zeichen der Zeit noch nicht erkannt.
An dieser vermeintlich plausiblen Argumentation ist jedoch einiges höchst fragwürdig. Allein die Annahme, es gäbe „die“ Wissenschaft, ist irrig. Abgesehen von den methodischen und atmosphärischen Welten, die Geistes- und Naturwissenschaften trennen, ist die neuzeitliche Wissenschaft durch Kontroversen, nicht durch Uniformität gekennzeichnet. Einander widersprechende Hypothesen und Theorien erzeugen eine Dynamik, die wohl gut bestätigte von eher unseriösen Konzepten unterscheiden lässt, aber keine Gewissheit geben kann.
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Man darf sich nichts vormachen. Die Logik des politischen Aktivismus ist der Logik der Wissenschaften diametral entgegengesetzt. Es liegt im Wesen der modernen Wissenschaft, dass aus ihren Erkenntnissen tatsächlich keine unmittelbaren Handlungsanleitungen folgen. Wissenschaft beschreibt, erklärt, experimentiert, formuliert Hypothesen, entwirft Theorien und entwickelt Modelle, die unterschiedliche Szenarien antizipieren. Was dann getan, wie im Ernstfall gehandelt werden soll, ist keine Frage der Wissenschaft mehr, sondern eine politische Entscheidung. Man kann der Wissenschaft also gar nicht folgen, man kann bestenfalls Forschungsergebnisse in die Motive seines Handelns einfließen lassen.
Dem Aktivismus geht es deshalb nicht um Wissenschaft, sondern um deren Instrumentalisierung. Die Wissenschaft wird vorgeschoben, um politische Ziele über außerparlamentarische Verfahren durchzusetzen und um spektakuläre und medienwirksame Interventionen zu rechtfertigen.