Werner Neuer, ein renommierter evangelikaler Theologe, der vor allem für seine Arbeiten zur christlichen Anthropologie, Ethik und Sexualethik bekannt wurde, ist am 21. Dezember 2025 im Alter von 74 Jahren verstorben. Die Nachrichtenagentur IDEA meldet über seinen Werdegang:
Nach seinem Studium der Geschichte, Politik, Geografie und Theologie promovierte Neuer 1985 an der Universität Marburg bei dem Theologen Carl Heinz Ratschow (1911–1999). Von 1990 bis 1997 war er wissenschaftlicher Assistent am Institut für Missionswissenschaft und Ökumenische Theologie der Universität Tübingen, danach Theologischer Referent der württembergischen Landeskirche. … Neuer war von 2000 bis November 2016 Dozent für Dogmatik, Ethik und Ökumene am Theologischen Seminar St. Chrischona (Bettingen bei Basel) und zeitweise Gastdozent für Theologie der Religionen an der Staatsunabhängigen Theologischen Hochschule Basel. Er galt als Fachmann für die Theologie des Schweizer Professors Adolf Schlatter (1852–1938).
Ich habe Werner Neuer erstmals 1982 oder 1983 in einem Workshop zur Dreieinigkeit kennengelernt (ich meine im Haus Friede in Hattingen). Ich erinnere mich noch gut daran, wie sehr mich seine Herangehensweise beeindruckt hatte. Neuer nahm die Bibel sehr ernst und war zugleich herausragend bewandert, was die zeitgenössische Theologie anbetraf. Ich glaube, dass er damit einen gewissen Eindruck bei mir hinterlassen hat.
Das letzte Mal traf ich ihn auf einer Tagung vor rund 4 Jahren. Wir aßen zusammen Mittag und sprachen über die Defizite der evangelikalen Ethik. Er war besorgt. Völlig zurecht, wenn man bedenkt, dass heute in evangelikalen Kreisen Entwürfe gelesen oder sogar gefeiert werden, denen es nicht nur an intellektueller, sondern auch an biblisch-theologischer Tiefe mangelt.
Werner Neuer hat mich schon früh darauf aufmerksam gemacht, dass der von den Evangelikalen übernommene Rollenbegriff für die Zuordnung von Mann und Frau problematisch ist. Interessanterweise haben auch konservative Theologen durch die Einführung der „Gender Roles“ die postmoderne Unterscheidung zwischen biologischem und sozialem Geschlecht vorweggenommen oder übernommen. Man spricht dann von der Rolle, die Mann und Frau zu übernehmen haben. Das Handeln eines Mannes wird also nicht mit dem schöpfungsmäßigem Sein (d.h. mit dem Mannsein) begründet, sondern mit einer Rollenerwartung. Hat man dieses Denken erst einmal übernommen, ist es nicht mehr weit bis zu dem Schluss: Beim Geschlecht geht es nicht um ein Sein, sondern um das Spielen einer Rolle.
Im Andenken an Werner Neuer will ich hier zitieren, was er darüber in seinem Buch Mann und Frau in christlicher Sicht ausgeführt hat (1982, S. 22–24):
Das heute weitverbreitete Rollendenken geht davon aus, daß jeder Mensch ein ganzes Bündel von Rollen zu spielen hat, um den in der Gesellschaft üblichen Rollenerwartungen zu entsprechen. So befindet er sich beispielsweise in der Rolle des Mannes, des Gatten, des Vaters, des Lehrers, des Konsumenten und des Bürgers. Für jede dieser Rollen existieren in der Gesellschaft eine Reihe von Erwartungen, die der Mensch als Rollenträger zu erfüllen hat, wenn er nicht in Konflikt mit den Traditionen und Zielen der Gesellschaft geraten will. Die Erziehung hat die Aufgabe, den Menschen zu einer kritischen Aneignung der Rollenerwartungen zu befähigen und ihn damit zu einem sozialen Wesen zu machen. In allen Lebensbereichen ist der Mensch genötigt, bestimmte Rollen zu übernehmen. Der Evangelische Erwachsenenkatechismus bezeichnet sogar das Christsein als Rolle: „Es gibt meine Rolle als Christ, als Partner Gottes“.
Das hier kurz skizzierte Rollendenken ist ursprünglich in der Soziologie beheimatet und hat inzwischen bedeutenden Einfluß auf die pädagogische Theorie und Praxis in Deutschland genommen. Das wesentliche Merkmal des Rollendenkens besteht darin, den Menschen als Produkt der Gesellschaft zu verstehen, welche die verschiedenen Rollenerwartungen an ihn heranträgt. Es würde zu weit führen, Wahrheit und Irrtum dieses Rollendenkens hier genauer zu untersuchen. Der Soziologe R. Dahrendorf hat dies in seinem Buch „Homo sociologicus“ in bemerkenswerter Weise getan. Für unsere Untersuchung ist nur die Frage wichtig, ob es sachlich gerechtfertigt ist, von den „Rollen“ des Mannes, der Frau, des Vaters und der Mutter zu sprechen.
Der Begriff „Rolle“ ist ein Begriff aus dem Theaterleben und bezeichnet den Darstellungspart, der einem Schauspieler zugewiesen ist. Die Rolle ist für den Schauspieler – von geringfügigen Ausnahmen abgesehen – etwas Fremdes, mit dem er sich nur spielerisch identifiziert. Er stellt mit der Rolle nicht sich selbst, sondern einen anderen Menschen dar. Auch wenn er sich in großem Umfang innerlich mit der Rolle identifiziert und sie zur Selbstdarstellung benutzt (was häufig der Fall ist), bleibt die Rollendarstellung nur ein Spiel, welches das tatsächliche Denken und Wollen des Schauspielers nicht unmittelbar zur Sprache bringt.
Wir haben oben festgestellt, daß die Geschlechtlichkeit nicht eine zwar wichtige, aber unwesentliche Äußerlichkeit, sondern ein Sein des Menschen ist, das sein gesamtes Verhalten bestimmt. Nimmt man dies wirklich ernst, dann wird die Unangemessenheit des Rollenbegriffs für das Verständnis der Geschlechtlichkeit offenkundig. Der Mensch spielt nicht die Rolle des Mannes oder der Frau, sondern er ist Mann oder Frau. Das Geschlecht ist keine Rolle, die beliebig gewechselt werden kann wie Bühnenrollen, sondern ein fundamentaler Aspekt des Menschseins, dem sich kein Mensch entziehen kann und aus dem sich ganz bestimmte Aufgaben und Verhaltensweisen für ihn ergeben. Diesem Tatbestand muß auch der Sprachgebrauch Rechnung tragen. Es ist daher ratsam, beispielsweise von „Mannsein“, „Frausein“, „Vatersein“, Muttersein“ oder „Männlichkeit“, „Fraulichkeit“, „Vaterschaft“, „Mutterschaft“ und den sich daraus ergebenden Aufgaben zu reden. Bei einem solchen Sprachgebrauch wird deutlich, daß es beim Geschlecht um ein Sein geht und nicht um eine Rolle, die man spielt und die einem von einer fremden Instanz wie der Gesellschaft zudiktiert wird. Der Rollenbegriff ist im Zusammenhang mit dem Geschlechtsverhalten allenfalls bei Homosexuellen sinnvoll, wo Männer die Rollen der Frau und Frauen die Rolle des Mannes spielen. Gerade diese Tatsache, daß der Rollenbegriff treffend Formen pervertierten Sexualverhaltens beschreibt, zeigt, wie untauglich er für die schöpfungsgemäße Verhältnisbestimmung von Mann und Frau ist. Die heute weit verbreitete Redeweise von den „Rollen“ der Geschlechter sollte deshalb um der Wahrheit willen aufgegeben werden, denn sie verdunkelt die Tatsache der wesenhaften Geschlechtlichkeit des Menschen und erweckt den falschen Anschein, als ob die beobachtbaren Eigentümlichkeiten im Verhalten der Geschlechter und die geschlechtsverschiedene Aufgabenverteilung nur Produkt der Gesellschaft und damit gesellschaftlich korrigierbar sind. Zwar ist ohne weiteres zuzugeben – und darin liegt das Wahrheitsmoment des Rollendenkens –, daß die Gesellschaft einen bedeutenden Einfluß auf das Verhalten der Geschlechter hat, entscheidend ist aber, daß die Gesellschaft nur die bereits vorgegebene natürliche Eigenart von Mann und Frau (negativ oder positiv) zu beeinflussen vermag und dieser Beeinflussung durch die natürlichen Anlagen unüberschreitbare Grenzen gesetzt sind. Wir werden in einem späteren Kapitel noch den genaueren Nachweis erbringen, daß die geschlechtsspezifischen Verhaltensweisen von Mann und Frau primär anlagebedingt und erst sekundär gesellschaftlich bedingt sind (vgl. S. 51–59).
Das Rollendenken ist ein einseitig soziologisches Denken, das die Bedeutung der Gesellschaft überschätzt und die Bedeutung der Schöpfungswirklichkeit verkennt. Es ist ein typisches Produkt der Überbetonung der vom Menschen gemachten Geschichte auf Kosten der den Menschen Grenzen setzenden Natur. Dieser Überbetonung der Geschichte – wie sie besonders handgreiflich im Marxismus zutage tritt – liegt eine Überschätzung des vom Menschen Machbaren und eine Unterschätzung der von Gott dem Menschen durch die Natur gesetzten Schranken zugrunde.